Ernest Wichner
(Deutschland)


Further und Gieng
über Apfelwiesen
stoben hinweg
wie Blech und Gesang:
ein Loch ist im Mai
ein Loch ist im Mai



Further Eilfinger
und es waren doch zwei
die davon wußten
Hammer & Sichel
die Brüder Unbeholf
zwölf Schrauben im Sand
Further dem Leser
in Amerika gewidmet:
jeder Finger
ein Verhörer im Roggen
jäh der Mann auch
musisch eigenschaftslos
und ohne Euter
Further im Katalog
die Sohlen des Tümpels
als Säulen des Tempels
als Beulen des Krempels
die glühenden Kohlen
des blaßblauen Thynkels

Further mit Thynkel
war antik und hatte die Pein
bedeuten zu müssen abgelegt
jetzt sah er sich
in Zusammenhänge gestellt
die kompromittierend rochen
Schwertfische thynkelten
und Rochen schwammen
einfach so davon
Further & Blaßblau
betrieben zusammen eine Baufirma
unter dem Potsdamer Platz
aber die Stadt hatten sie vergessen
jetzt regnet es und schneit
und es schneit und es regnet
Blaßblau ist seinem Reißbrett
und Further sich selbst
nie wieder usw.
Further und die zwölfte Schraube
die genau im Ziel saß
mehr konnte auch Heißenbüttel
darüber nicht mitteilen
Further liest Gottfried Benn:
als ob ihr wirklich Raum
und Sterne wäret
nicht Hunde bloß im Staub
der Paarung
Further-Herbste
sind lang sie dauern ein Jahr
ohne Eßzeiten
in Mitteleuropa fallen sie an
aufgestöbert vollzieht sich darin
was auffällt geflissentlich
Further und die Seelen
alter Bügeleisen
die vom Lesen wie
vom Reisen träg gewordnen
Routen fallen in die Zeilen
strecken alle Winde glatt
zum Strich ich seh dich
beglückt in einen seelenlosen
aber grüngestrichnen
Apfel beißen
Further singt
er kehre wieder
läßt sich nieder
wo der Flieder
seine Winzlingsblüten
über Gräber streut
heut ist Mai
und morgen du
Further und die Geschichtsphilosophie
sehen wie sich im Gras über all den Verbrechen
ein Regenwurm kringelt die Graugans fällt
aus dem Bild und zerschellt Vater schaufelt
und Mutter hat zwölf Totengräber bestellt
Further und das Rauschen
bloß weil es eichendorfft und fließt und rauscht
bleibt es noch nicht beim Alten bloß
weil zu Sand der Stein zerrieben wird
versenkt kein müder Blick sich
in dies Lettental so schmal
so unwegsam von weißem
Pappelflaum umweht war jener Pfad
ein Uferweg am großen Strom
und dieses ungeahnte Ziehen jetzt
Further und die Gegenwart
und sich nicht für maßgeblich halten
aus den Augenwinkeln aber
auf Sichtweite halten die beiden Alten
Further und der Wetterbericht
in der Nacht werden die Wolken
allmählich dichter am Morgen
dann stellenweise Niederschlag
Sonette zeitweilig mit Oden durchsetzt
Further ist geschlechtsreif
kauft sich Titten Beine Pos
tittet fort und immer weiter
ist bald beinab alles los


Further und die Melancholie
die ja die Melancholie
die süßsaure nur beim
Thailänder hat er sie mal
sauerscharf gegessen
s’ist länger her er hätt
es fast vergessen


Further und die Melancholie nach der Melancholie
die hatte er wirklich mithin bittersüß genossen
serviert hatte die Frau des Thailänders sie
also blieb er ein Jahrzehnt in sie verschossen
Further wirbt
für schlufftoniges Lockergestein
Kluftflächenschleifer mit variablen
Öffnungsweiten ordovizischen Utica-
Schiefer Kluftschare der Marke Rupes Rimae
die Frohnleitner Falte sowie Rannachdecken
und Schöckelfazies
die Feckerthesen aber läßt er unbeworben
im Rhinolttal zurück
Further sagt Namen
Fuchsschwötzer Kühlmäuser
Lewitz und Hatza-Amöne
Anisette bei Kümmel und Stimming
Takkelösner Riebisch zu Korduban
Fattelhäuser wie Nansdum und Hörnisch
Billsal auf Reibtrumm
Falleis nebst Wullmilch und Bindmühl
Kosch
Kälbler Adolphine
Haiferzeucht und Krüse Pattent
Kebbsmuch die Leise
Habsthal und Schwermuch
Immerzalch und Friedlind die Hähre
Weistlich und Gastlub ins Mieselbauch
Gepflänkts

Höbisch die Reitzmaag
Burrmisch wie Pfottang
Kurkusch der Echste bei Wurzloch
Habäm Üb’Nachlaumb
Bolmhub wie Spindmang
Ächtlichst ob Reifzhuch
Übmein Dorfst Heimschluff
Gebämslicht Vördenkkt



Further nennt keine Namen mehr
bis auf einen den er wohlweislich kennt
& hat als er diesen vergessen jedoch
die Stimme betreten gesenkt
Further schreibt einen Namen auf
streicht ihn durch zerreißt das Papier
und wirft den Kugelschreiber in den Müll
Further und Schifasch
übten zusammen
erotische
Dialekte
Deklination und Beugung: Hüfte
an Häutung und Verzicht wie
Sühne und Schuld wie mein
und dein und Bein: Du rund –
ich grob. Später dann plauderten
sie vertraulich von moldawischem
Frühlicht über den Spülsteinen
zückten die Messer im elektrischen
Talglicht und entmannten Kunder
und Blunther – als ob, ja, als ob:
Es ginge noch wesentlich bunter.

Further fliegt
und steigt nie wieder
dorthin
wo der Abstrahl glüht
hat die Lieder
immer wieder
übers Reimende
hinaus betrogen

Jandlfurther
tröten sie näher
tröten sie näher
tröten sie näher
tröten sie näher

töten sie näher
Further und der Strudelwurm
aßen
beidseitigen
Topfenstrudel
den Griseldis nach dem Rezept
des Zustandekommens gezogen
gefaltet gewickelt & gebacken
hatte. Griseldis aber war –
Apfeltaschen im Gepäck – über
Cluj-Napoca in eine Strafkolonie
ausgewandert wo sie den wahren
Ulf sich buk und ehelichte. Als
nichts von alledem mehr etwas
half besann sie sich auf einen
Strick: so schmal & rund ward
nun die Strudelfahn und ganz
am End hing die Griseldis dran.
Further und der wahre Ulf
in Haiverzocht sich letzthinnig
gütigst zugetan trafen am Grabe
der Griseldis ein letztes Mal
aufeinander. Dort aber entzweiten
sie & verstreuten sich vegetarisch:
nach Pellargonien & Patefonien.
Further trifft Vulcănescu
zu einem Gespräch über Fragen der Poetologie
das letztlich bei Labextrakten Fahrplänen Dusch-
hauben und Zwischenlegscheiben endet
während auf Fahrrädern in Kleinbussen
und
büffelgezogenen 
Rikschas die Weltpoesie
an ihnen vorbei und auf einen neu eröffneten
Baumarkt zufährt. Als die beiden etliche Stunden
später dort angelangen sind die Regale leergeräumt
und die Kassen geschlossen aber ein Unwetter tobt in der
Halle dem sie Donnerworte zuhauf entnehmen können
zur Verwendung in Gedicht & Pamphlet.
Noch stehn sie da und notieren. Wir nähern uns
heimlich und fotografieren. Und dann reimen wir uns
bis auch sie mit sich und uns sich mehrgeschossig reimen.
(…)
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Ernest Wichner, geboren 1952 in Guttenbrunn (Zăbrani), Banat / Rumänien.
Abitur 1971 in Timişoara; 1973-1974 Studium an der Universität Timişoara. Auswanderung nach Deutschland 1975. 1977-1982 Studium der Germanistik und Politologie an der FU-Berlin.
Seit 1988 stellvertretender Leiter des Literaturhauses Berlin, seit 2003 dessen Leiter. Autor, Übersetzer, Literaturkritiker.
1987: Förderpreis zum Marburger Literaturpreis und 1991: Förderpreis zum Anton Gryphius-Preis; 1997: Lyrik-Stipendium der Stiftung Niedersachsen; 2000: Stipendium des Landes Rheinland-Pfalz »Deutsche Reise nach Plovdiv«; 2005 Preis für Europäische Poesie der Stadt Münster zusammen mit Daniel Bănulescu; 2007: Förderungspreis des Zuger Übersetzerstipendiums.
Literarische Werke:
- Elegien Weiß. Gedichte mit Graphiken von Ullrich Panndorf, Edition Clair-Obscur,
Berlin 1987
- Steinsuppe. Gedichte, edition suhrkamp, Frankfurt a.M. 1988 / zweite, vermehrte Auflage,
Lyrikedition 2000, München 2008,
- Alte Bilder. Geschichten, Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2001
- Starie Snimki (ins Bulgarische übersetzte Prosa und Gedichte), Pygmalion, Plovdiv 2001
- Singularul Norilor / Die Einzahl der Wolken (Gedichte rumänisch/deutsch; Übersetzung ins
Rumänische von Nora Iuga), Verlag der rumänischen Kulturstiftung, Bukarest 2003
- Rückseite der Gesten. Gedichte. Zu Klampen, Springe 2003
- „bin ganz wie aufgesperrt“ Gedichte. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2010
- Neuschnee und Ovomaltine. Gedichte. Hochroth Verlag, Berlin 2010