Erika Kronabitter
(Österreich)



Auszüge aus
„einen herzschlag nur bist du entfernt“
Lyrik
keine idyllen

Schatten
bild 1
so wie das nichts, das weiss auf dem papier oder so
weiss wie das hell der sonne mittags im gleissenden
licht so leer das gehirn
von der hitze so weiss geblendet das denken so weiss
durch das licht das durch
dringt die geschlossenen lider
so dringt durch die geschlossenen augen
lider das weiss
so zwischen dem blinzeln das denken erfüllt mit der helle
weiss nichts ausserdem und nichts anderem gleicht
als gleissendem sommer nachmittag flimmernd die
hitze die nichts zurücklässt ausser sengend weiss
so blendend die leer
stelle
schatten
bild 2
über die hoffnung legt sich violetter schatten in der früh
leise, sei leise, und deckte sie zu zuerst den mund
erstaunt ihre augen den fernen geliebten wieder im
blick aussen alarm: aufspringend! ein netz vor dem fall
dies eine blatt zwischen den sonnen ein kleiner riss
der den morgen zerbricht in tausend risse
aussen alarm, wie gesagt, hebt sie der schatten
davon. leiseleicht. keine sekunde länger unsere zeit
zählt nicht für sie nicht mehr keine sekunde länger ihr leid
sprengt ihre brust sprengt ihr kleid
so begann für sie die ewigkeit
september 2001
für meine mutter
nicht der regen der prasselte
als ob ich heimkommen müsste und dir erzählen dir erzählen vom
lachen haben wir jemals so ausgiebig gelacht
ein flimmern an diesem morgen ein flimmern bedeutungslos
sagst du ganz ohne bedeutung
wir gingen und kamen wir gingen und kamen und weggewischt
waren die bedenken bedeutungslos bedeutungslos der nachhall
wie ein sturz in die tiefe
wie ein sturz in die tiefe mein heimkommen
eigentlich wollte ich heimkommen dir erzählen
vom rauschen des mohns so wild in den wäldern
es war nicht der mohn nicht die sonne der regen
als ob ich heimkommen müsste und dir erzählen
atemlos heimkommen es war nicht der regen der
prasselte nicht das feuer im ofen
es waren die schüsse die hallten

requiem für eine mutter
1
garten leer
vor dem haus nicht mehr
im garten nicht mehr
auf der straße nicht mehr
beim bäcker nicht mehr
auf dem marktplatz nicht mehr
beim busplatz nicht mehr
vor dem haus nicht mehr
auf der straße nicht mehr
garten leer
2
überall leer
im badezimmer nicht mehr
stundenlang
beim frisieren nicht mehr
stundenlang
beim eincremen nicht mehr
stundenlang
beim pflegen nicht mehr
alle stunden
überall leer
3
so leer
beim kirchgang nicht mehr
deine fürbitten nicht mehr
dein knien nicht mehr
dein rosenkranz nicht mehr
deine beichte nicht mehr
dein sühnegebet nicht mehr
die übrig gebliebene kommunion
deine innigkeit nicht mehr
beim segen nicht mehr
deine dankesgebete nicht mehr
verwaist die freundinnen
irritiert die gespräche
alle augen auf deinem platz
[…4 – 9 …]
viel zu wenig viel zu viel
und wie ich jetzt stehe und sehe überall etwas
falsch und übersehen so viel nicht getan
an deinem glück nicht mit nicht gefreut zu wenig
nur herumgestanden und dummes gedacht
gelacht heimlich dich belächelt dann und wann und
immer wieder dich immer wieder verraten verlassen
bei deinen freuden verlassen so vieles an dir
nicht ernst dich nicht ernst nie ernst genommen
so ist deine zeit davon
davongeronnen
wie du jetzt fehlst und wie erst
was habe ich alles nicht getan nichts
viel zu wenig für dich versäumt viel zu viel
gekraustes haar unwiederbringlich
strebende aufstrebende ranken und
diese säulen diese ovalen domfenster
die den himmel öffnen ein säulenranken
welch ein empfang eine rauschende stille
im rauschenden ohr und rauschendes weiss
ein schreiten durch die hallen
wir schreiten durch heilige hallen sagst du
pochendes herz das krampfende kämpfende
als wir gemeinsam mutter und ich
und wie sie es genoss mit ihrem kind
andernmals im wiener tröpferlbad
und ich die ich immer daneben neben
dem erzählen daneben die erinnerung
umfängt mich wie uns damals das wasser unwiederbringlich
ihr gekraustes haar unwiederbringlich
bad ragaz, november 2009
zu wissen heute beginnt
1
als ob ich dich schnell anrufen müsste und dir erzählen
dass etwas passiert etwas wunderbares passiert
meine freude teilen mit dir aber etwas anders ganz
anderes war passiert in deinen augen eine flucht
diese flucht in die weite ein flug zerrissen dein blick
so abwesend schwer wie du leichthin versuchtest
leichthin zu sein missglückt
deine ablenkungsversuche versuche nur
ausweichen versuchtes ausweichen unsere blicke zu täuschen
nicht erkennen zu geben nicht erkennen zu geben
verborgenen schmerz der innere aufschrei
in uns
als ob ich dich schnell anrufen müsste und dir erzählen
vom entsetzen vom entsetzen dich so zu sehen vom
erkennen und wissen ahnung der zukunft und
entsetzen in unseren augen entsetzen in unseren augen
zuerst in unseren dann in den deinen und
zu wissen heute beginnt
das abschiednehmen
2
als ob ich noch schnell bei dir vorbeikommen müsste und dir erzählen
vom tag von heute und gestern
so sprudeln und über so von und
von und stehen
bleiben vor deiner tür
3
als ob ich dich noch mitnehmen müsste und dir zeigen
und dies und jenes so viel hast du versäumt
noch nicht gesehen erlebt
trag dich von nun an
immer in mir
zusammen die wellen
am strand sitzen wir und
und schweigen und hören beim schweigen
uns zu und sitzen
und schweigen
und die wellen sprechen
und es spricht der wind
und es spricht der sand
wir sitzen am strand und
schweigen schweigend hören wir
zu dem schweigen
und eines tages wird nur noch einer
von uns sitzen
hier oder dort und schweigen
tropea, 25.6.2006
für hubert löffler
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Erika Kronabitter:
Geboren 1959 in Hartberg/Österreich, Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft, Germanistik/Kunstgeschichte; arbeitet interdisziplinär in den Bereichen Literatur, Malerei, Grafik, Konzept-, Video- Fotokunst.
Seit 2001 Teilnahme bei den Strobler und Wolfgangsee Literaturtagen und Mitarbeit in Form von Abhaltung von Workshops zu Essay, Lyrik und interdisziplinäres Arbeiten mit Literatur und Video.
Zuletzt erschienen:
„Einen Herzschlag nur bist du entfernt“, 2010, Edition Art Science St. Wolfgang – Wien
„Sarah und die Wolke“, 2010, Edition Art Science, St.Wolfgang – Wien
„Morgenbetrachtung. Verweilen im Gesicht“, 2008, Bucher Verlag, Hohenems
Mona Liza“, 2007 und „Viktor“, 2009 als Teil 1 und 2 einer geplanten Trilogie, beide im Limbus Verlag Hohenems-Innsbruck
„Mona Liza. Vatermörderin“, 2010 Theater-Uraufführung von „Mona Liza“ im Theater am Kirchplatz, Schaan/FL durch das Klanglabor Liechtenstein unter der Regie von Brigitta Soraperra
Preise:
zuletzt 2011 Preis der SozialMarie für „Sarah und die Wolke“ der Unruhestiftung
2011 Theodor Körner Preis für das Projekt mit dem Arbeitstitel „Nora.X.“
Seit 2003 Initiatorin und Organisation des Feldkircher Lyrikpreises
2006 bis 2009 Lehrbeauftragte an der Kunstschule Liechtenstein
2009 Workshopleiterin für Lyrik im Rahmen des Projektes „Junge Szene“ Vorarlberg sowie zu Video im Rahmen des Kinder- und Jugendtheaterfestivals „luaga & losna“
Mitglied der Grazer Autorinnen Autoren Versammlung, Literatur Vorarlberg, des Österr. Schriftstellerverband, der Europäischen Schriftstellervereinigung die Kogge, IG Autorinnen und Autoren, IG Bildenden Kunst, Mitarbeit bei der Kulturinitiative „Theater am Saumarkt“, Feldkirch, sowie beim Sozialen Verein „Netz für Kinder“, Vorarlberg.