MANFRED CHOBOT

 (Österreich)

 

 

über:

 

Marwan Abado

 

Ich kenne keinen Musiker, der einfühlsamer Lyrik begleiten und „illustrieren“ kann, als Marwan Abado. Er ist ein Meister auf der Oud, der arabischen Kurzhalslaute. Von ihm habe ich gelernt, dass das „deutsche“ Wort Laute aus dem Arabischen stammt: Aus El Oud wurde Laute, was auf die arabische Herkunft des Instruments hinweist.

 

Wir stellten fest, dass wir nur ein paar Häuserblöcke voneinander entfernt wohnten: der palästinensische Libanese, oder libanesische Palästinenser, und der Wiener Dichter, beide daheim im Wiener Bezirk Ottakring, weshalb wir uns im türkischen Lokal getroffen haben. Mit Musikern aufzutreten, hatte ich immer gemocht. Marwan fand Gefallen an meinen Dialektgedichten. Wir probten und hatten bald ein Programm erarbeitet, das bei einem Auftritt live mitgeschnitten und eine CD produziert wurde.

 

Einmal waren wir beide eingeladen zu einem Literaturfestival nach Lemberg, Ukraine. Bei der Ankunft fragt die Zöllnerin, was denn das für ein Instrument sei? Marwan versuchte es in allen Sprachen, doch die Zöllnerin hatte keines dieser Wörter jemals gehört. Sie winkte einen Kollegen herbei, der einen Blick auf Marwans Oud warf und urteilte: „Balalaika.“ Damit war die Sache geklärt. Inzwischen geht es Marwan ziemlich auf die Nerven, wenn ich „Balalaika“ sage. „Das hängt mir wohl für immer und ewig nach.“ – „Ganz genau.“

Und wenn er nicht gerade unterwegs ist, von einem Auftritt zum nächsten eilt, treffen wir uns beim Türken. (Oder Marwan kocht. – Mit seiner Frau Viola Raheb hat er ein interessantes und spannend zu lesendes arabisches Kochbuch veröffentlicht.)

 

  

Petra Ganglbauer

 

Seit vielen Jahren sind Petra und ich Mitglieder im Vorstand der Grazer Autorinnen Autoren Versammlung, der wichtigsten österreichischen Autorenvereinigung. 1973 gegründet als „Anti-PEN“, muss sich ein Autor / eine Autorin entscheiden, ob er/sie GAV- oder PEN-Mitglied sein möchte, da eines das andere ausschließt. Derzeit ist Petra Ganglbauer GAV-Vizepräsidentin, was sie keineswegs an die große Glocke hängt. Es gibt Kolleginnen und Kollegen, die man entweder als Mensch oder als Schriftsteller schätzt. Einige schätzt man sowohl literarisch als auch menschlich. Dazu zählt Petra ganz besonders. Denn sie ist eine Kollegin, auf die man sich verlassen kann, die nicht nur an sich selbst denkt, sondern Solidarität allemal wörtlich und tatkräftig behandelt. Mit der Sprache geht Petra überaus vorsichtig um, das heißt sie verdichtet ihre Gedichte im wahrsten Sinn des Wortes. Stets nimmt sie die Sprache beim Wort. Jedes Wort ist exakt gesetzt, keines zu viel, keines zu wenig. Auf die Balance kommt es an, die sie exzellent beherrscht. Insbesondere bei ihrer interdisziplinären Arbeit für und in verschiedenen Medien begibt sie sich immer wieder auf neues Terrain, probiert und experimentiert. Für die in Australien beheimatete Internetzeitschrift gangway.net schreibt sie Rezensionen über österreichische Literatur. Ein wesentlicher Aspekt ihrer Arbeit ist die Schreibpädagogik, die ihr nicht nur ein Anliegen ist, vielmehr unterrichtet sie oftmals und hält entsprechende Schreibwerkstätten ab, die sich gedanklich und konzeptuell dem jeweiligen Ort anpassen. Durch diese Praxis hat sie sich einen besonderen Umgang mit ihrem Publikum erarbeitet, indem sie ihre sprachlich anspruchsvollen Texte fesselnd vermitteln kann. Gemeinsam mit Petra Ganglbauer aufzutreten, ist für mich immer ein Vergnügen.

  

 

Helga Cmelka

 

Das werde ich vermutlich nicht schaffen, da ich mit Helga Cmelka sehr viel

zusammen gearbeitet habe. Beide waren wir eingeladen zu einem Symposium in Sella, Trentino, bildende Künstler beiderlei Geschlechts dazu ein Autor. Jeden Tag musste von jemand anderem gekocht werden. Da ich ziemlich weit entfernt bin von einem passablen Koch (bloß Spiegeleier, Spaghetti Bolognese oder Pesto), Helga hingegen eine vorzügliche Köchin ist, hat sie meinen Dienst „substituiert“. Mein schlechtes Gewissen trieb mich in die Küche, wenigstens etwas vorlesen könnte ich ihr beim Kochen, damit ihr nicht langweilig wird. Zu dieser Zeit beschäftigte ich mich ausgiebig mit Paul Scheerbart, einem großartigen Schriftsteller, und dem ebenfalls einzigartigen Daniil Charms. Also las ich, während in den Pfannen und Töpfen das Mahl für eine hungrige Künstlerschaft zunehmend köstlichere Düfte entfaltete. Bald unterbrachen andere ihren Kreativakt und hörten zu, und Helga nahm das Buch in die Hand, wobei sie sich als glänzende (Vor-)Leserin erwies. Zum Geburtstag einer Kollegin ein paar Tage später lasen wir gemeinsam unsere Glückwünsche in Form der wunderbaren Texte von Daniil Charms. Daraus sollte sich eine lange Leseaktivität entwickeln, indem wir unser Programm erweiterten, gelegentlich verstärkt durch die Künstlerin Babsi Daum. Die Auswahl und das Vorlesen bereitete uns großes Vergnügen, sodass wir zahlreiche Auftritte absolvierten. Helga Cmelka zählt zu jenen wenigen bildenden Künstlerinnen, die sowohl Interesse als auch Vergnügen an Literatur, insbesondere an Lyrik, entwickeln, was dazu führte, dass sie mir kundige Hilfe bei der Auswahl von Gedichten für meinen Gedichtband „nach dirdort“ leistete, da man als Autor manchmal die Bäume im Wald nicht erkennt, und sie sagte: „Eine Biographie ist langweilig, sie steht ohnedies in jedem deiner Bücher, bloß immer ergänzt durch die inzwischen erschienenen Publikationen. Ich schreibe einen Text.“ Tatsächlich zitierten Rezensenten gerne aus ihrer „erweiterten Biographie“.

 

Einmal las ich Gedichte für den Rundfunk und Helga hörte die Sendung: „Du hast ein Wort ausgelassen, zwar nur ein kleines, unwesentliches, aber eines fehlt, ich weiß das.“ Ich widersprach: „Der Regisseur saß dabei und las den Text mit.“ Dennoch hörte ich mir die Sendung nochmals an – und musste feststellen, dass sie recht hatte. Durch das oftmalige Abschreiben meiner Gedichte, die sie in ihren Arbeiten als Grundlage benützte, kannte sie meine Gedichte besser als ich.

 

Bevor ich zähle, wie viele Sätze ich geschrieben habe, mache ich Schluss, sonst fällt mir noch mehr ein. Fast hätte ich vergessen, ein Gedicht zu erwähnen, das ich zu ihrem Bild „Schmetterlingskuss“ geschrieben habe, einfach weil es mir besonders gefiel und mir dazu etwas einfiel:

 

 

  

vexier-landschaft

 

für Helga Cmelka

 

 

ein schmetterling

vom linken bildrand

sprengt die leinwand

rechts oben weil das

format keine grenzen

kennt zieht die schrift

eine spur mit sich

macht sich ganz schwunghaft

und leserlich die schichten

der farben oszillieren

zwischen gelb und rot scheint

die sonne an den rand

des quadrats geflattert

mit textilen fasern festgenäht

strahlen die wörter von allen

richtungen ganz genau

und sagenhaft eingerichtet

ziehen und zerren strukturen

aufgespürt und aufgewühlt

an sich

 

 

– ins Englische übersetzt von Karoline Ruhdorfer: puzzle landscape

for Helga Cmelka

 

 

from the left corner of the picture

a butterfly

bursts the canvas

on the right top because the

format does not know any boundaries

the writing traces

a trail with itself

makes itself completely spirited

and legible the layers

of the colors oscillate

between yellow and red the sun

shines shimmering on the edge

of the square

sewn down with textile fibres

the words beam from all

directions accurately

and legendarily arranged

structures tug and tear

rooted out and churned up

within themselves

 

  

– und ins Spanische übersetzt von Wolfgang Ratz:

 

  

paisaje trucado

para Helga Cmelka

 

 

una mariposa

en la orilla izquierda del cuadro

desgarra el lienzo en la

esquina derecha porque

el formato no sabe

de límites la escritura

arrastra una huella

se torna impetuosa

y legible oscilan las capas

de los colores

entre amarillo y rojo el sol

brilla aletea en un lado

del rectángulo

cosidas con fibras textiles

las palabras irradian desde todos

los ángulos con toda exactitud

en mágica coordinación

tiran y atraen las estructuras

rastrean agitan

poseen