Harald Gröhler

(Deutschland)

 

 

 

 

 

Meine kulturellen Freunde

 

 

  

   „Ich und meine kulturellen Freunde?“ Ja. Ich stelle damit hier die Gruppe Kunstgeflecht vor, in die ich seit Gründung der Gruppe und sogar schon vor ihrer Gründung integriert bin. Die Gründungsversammlung hat am 18.12.2010 stattgefunden, das Unternehmen – offizielle Bezeichnung Kunstverein Kunstgeflecht e.V. – ist also noch schön jung. Der Grundgedanke ist (und der geht primär auf Rolf Stolz zurück): Persönlichkeiten, die in denkbar unterschiedlichen Gebieten künstlerisch oder wissenschaftlich tätig sind, zusammenzubringen. Tätig sind, – oder die Kunstinteressierte sind. Rolfs Einfall, Rolf ist die Seele des Unternehmens. Unter den Gründungsmitgliedern sind übrigens drei Verleger oder ehemalige Verleger. Die Gemeinnützigkeit, der in Deutschland steuerlich immer höchste Wichtigkeit zukommt, ist in Vorbereitung. Auch eine Zeitschrift gibt die Gruppe Kunstgeflecht (www. kunstgeflecht. de) heraus, Rhein!, und Rhein! 1 ist soeben im Februar erschienen, ein broschiertes 100-Seiten-Periodicum.

 

   Der Gründung war schon eine öffentliche Veranstaltung vorausgegangen (am 27.11.2010), und vor kurzem fand eine zweite öffentliche Veranstaltung statt, beide in dem Siegburger Kulturzentrum Pumpwerk bei Bonn, beide mit großartigem Erfolg beim Publikum. Auf einmal erwies sich nämlich solch eine Pluralität von Kunstsorten rezeptionsmäßig als sehr günstig.

 

   Vor vielen Jahren hatte ich bereits mit der Gründung meiner gruppe INTERMEDIA Einteilungen und Abgrenzungen von Kunstbereichen zu demontieren begonnen. Seitdem habe ich mich immer wieder einmal damit beschäftigt, wenigstens einen einzelnen bestimmten Strang einer Verfahrensweise zu entwickeln, die in mehr als nur jeweils einer Kunstsparte verwendungsfähig ist. Einer Verfahrensweise, einer Weise, wie bei gewissen Zielvorgaben operational vorzugehen sei. Das ist von mir in der Literatur und der Photographie (Personen- und Tierphotographie) durchformuliert worden. In der Literatur handelt es sich da für mich um eine Methodik zur Gewinnung von Textausgangsmaterial und von Motivstrukturen, und bei der Photographie habe ich ein, zwei bundesweit bekannte PorträtphotographInnen bereits auf eine mutatis mutandis gleiche Anwendung von Vorgehensweisen einschwören können: von Operationsweisen, die per Generierung einer – auch möglichst wenig reflektierten – Spontaneität des Objekts, also des visuellen Gegenübers, ein Maximum von Authentizität provozieren und produzieren. Freilich ist das fast immer nur unter Einsatz auch eigener Spontaneitäts-Schübe zu realisieren. Aber feedbackartig ergibt sich dabei sowieso, dass ebenfalls beim Subjekt vermehrt und spontan Kreativität generiert wird.

 

   Beim Konkretisieren kunstgrenzen-ignorierender Verfahren habe ich im übrigen zum Beispiel mit Konstantin Stanislawski (dem Theatertheoretiker) viel anfangen können.

 

   Das Entwickeln solcher kunstsparten-übersteigenden Methoden hat mich jetzt auch hellhörig werden lassen für Rolf Stolz’ Konzept von Kunstgeflecht. Um meine Ansätze noch weiter auszubauen und auf vielleicht eine dritte Sparte zu übertragen, ist mir diese sich soeben zusammenfindende Gruppe Kunstgeflecht hochwillkommen; sie „kommt mir wie gerufen“.

 

                  

Rolf Stolz

Künstlerischer Photograph

 

 

 

   Geboren in Mülheim/ Ruhr. Studium in Köln und Tübingen, Diplompsychologe (er übte diese Tätigkeit auch aus bis 2004). War politisch aktiv: Mitglied der Grünen-Partei (die ökologieorientiert ist). War hier über 1 Jahr lang Mitglied der Bundesprogrammkommission, und war im Bundesvorstand. Er war auch Sprecher des Initiativkreises Linke Deutschland-Diskussion. Stolz war (und ist) als Schriftsteller aktiv, er veröffentlichte 20 Bücher (darunter die Essaybände „Begrüßung eines Endes. Philosophische Fragmente und Aphorismen“ 2003 und „Nur Kunst" 2009), 2 Bücher sind übersetzt worden - ins Französische bzw. ins Rumänische -; Übersetzungen von Texten ins Englische und Dänische. Er erhielt außer literarischen, staatlichen Stipendien den Anerkennungspreis für epische Kurzform von Wolfen.

 

   Seit über 20 Jahren Experimente mit Photographien, mit Kopierkunst, mit Materialbildern. Diese Arbeiten entstehen nicht ohne Bezug zu seinen literarischen Arbeiten. Sie bewegen sich zwischen „abstrakter (malerischer)“ Farbphotographie, Verfremdung und dokumentarischem Realismus; Themen von der architektonischen Szenerie über die nature morte bis zum Porträt; reproduziert auf Papier oder, digital überarbeitet, auf Leinwand. Ausstellungen unter anderem: 2001 Mülheim Zentralbücherei (das photographische Werk 1988 - 2000: „Untergründe“); 2002 Bukarest im Schillerhaus („Venedig – andere Ansichten“); 2002 Unna im Westfälischen Literaturbüro („Venedig“); 2003 Köln im Art NTC („Photographien und Lebenszeichen“); 2004 Salzgitter im BfS („Venedig“); 2005 Bukarest Schillerhaus („Siebenmal Europa“); 2008 Köln Ahorn-Galerie/Kunstraum K8 („Köln-Keulen-Lein-Line“, Photos auf Leinwand) – hier hat Stolz noch Kontakte von seiner Grünen-Zeit her zum Galeristen –; 2008 Troisdorf Stadtbibliothek („Rhein/Land“); 2009 Dinslaken GZ Lang sowie Neunkirchen-Seelscheid Rathaus („Menschen und Undinge“); 2010 Sankt Augustin Stadtbücherei („Venedig und andere Ansichten“); 2010 Unna Evangelische Stadtkirche („Menschen, Zeichen, Wege“); 2010 Mainz Maison de France; im Mai 2011 wird Stolz in Berlin eine Ausstellung haben.

 

   Im Kunstverein Kunstgeflecht ist Stolz 2. Vorsitzender und Schriftführer. Er lebt in der Nähe von Siegburg.

 

 

Netzseite: www.rolfstolz.de

 

 

   Ich kenne Rolf seit fast 2 Jahrzehnten, über den Verband deutscher Schriftsteller. Die vielen Gemeinsamkeiten in der Literatur brachten uns auf den Jahrestagungen einander näher – und einmal eine nächtliche Autofahrt von einer Tagung quer durchs halbe Rheinland. Die mancherlei Äste von Rolfs Biographie, von denen er übrigens kein Wesen macht, werden auch von mir erst nach und nach entdeckt. Er hat nicht nötig, aufzuschneiden. Und er ist (was mir bei ihm ebenfalls gefällt) sehr diszipliniert, … sonst würde er auch kaum seine wirklich hübsche Frau, die halb so alt ist wie er, auf Dauer halten können.

 

   Seine Photos? Die schielen nicht auf Verkäuflichkeit. Und eben damit eröffnet er sich einen weiten Raum: die ungeschmälerte Sphäre dessen, was photographisch möglich ist. Ich sehe mir eine Aufnahme von ihm an, das Photo eines eisernen altmodischen Schwungrads vor von Herbstlaub überschüttetem Straßenhintergrund, so dass das Bild mit den Herbstblättern sogar trotz der besprayten rückwärtigen Hauswand etwas Ländliches, etwas verschwiegen-Verlassenes hat. Stadtszenerie – Ländliches: das Bild kommt damit recht nahe an eine psychologische „Kippfigur“ heran.

 

 

Professor Dr. Kurt Roessler

Naturwissenschaftler

 

 

   1939 in Köln geboren. 1968 - 2003 Festkörper- und Kosmochemie im Forschungszentrum Jülich und der DLR Köln. 1993 Professor für Kosmochemie an der Universität Münster. 1995 Organisation der alljährlichen Bad Honnefer Winterseminare zur kosmischen Evolution. Mehr als 250 Publikationen auf dem Gebiet der Naturwissenschaften und der Wissenschaftsethik. 1960 Nebenstudium Theologie und Kunstgeschichte in Köln und Bonn. Ab 1980 Zeichnungen und Gedichtbilder; ab 1985 Literaturforschung über Guillaume Apollinaire, Ferdinand Freiligrath. Seit 1990 Vorstandsmitglied der Association Internationale des Amis de G. Apollinaire (von Apollinaire hat Roessler die Rhénanes ins Deutsche transponiert und veröffentlicht); 1997 Leiter des Freiligrath-Arbeitskreises; Mitherausgeber der Grabbe-Jahrbücher, Vorstandsmitglied u. ab 2002 Vizepräsident der Grabbe-Gesellschaft Detmold. 150 Publikationen (teils Bücher) zur Rheinischen Lyrik. Seit 1990 Winzer des Literarischen Weinbergs am Rolandsbogen („eines der schönsten Weinberge Deutschlands“). 1995 Gründung des Verlags Kurt Roessler in Bornheim; in Bornheim wohnt Roessler auch.

 

 

Netzseite: www.kurt-roessler.de

 

 

   Ich lernte den Naturwissenschaftler mit den weitestgespannten künstlerischen, geisteswissenschaftlichen und sogar sauber-weinbaulichen Interessen im Bungalow von Rolf Stolz kennen, einige Zeit vor der Gründung von Kunstgeflecht. Ein Mensch wie Roessler, der in so vielen Sätteln gerecht ist, zieht mich schon mächtig an. Als Multitalent, das merkte ich, konnte ich den auch mit Leibesfülle und -größe imponierenden Mann gar nicht einstufen, da schwänge noch zuviel Dilettantisches mit. Und das, was er treibt, tut er nicht dilettierend; wenngleich er bei den nichtnaturwissenschaftlichen Gebieten manchmal zu apodiktischen Vereinfachungen neigt. Vereinfachungen: Nach den ersten zehn Minuten sagte Professor Dr. Roessler zu mir: „Nä, lassen Sie bloß den ‚Professor’ weg, sonst …!“ Also schön, ließ ich den ‚Professor’ in der Anrede fallen, denn ich wollte ja nicht sonst –. Nach wieder zehn Minuten bekam ich gesagt: „Hör’n Sie doch bloß mit dem Doktor auf!“

 

   Seine unbezweifelbare Jovialität nimmt man auch noch im anders gestrickten 21. Jahrhundert hin, und das Joviale speist sich außerdem aus einem wahrhaft warmherzigen Wesen. Roessler umarmt sogar den Rheinstrom. … damit die Dichter, die sich an diese Landschaft verströmt haben, zum Beispiel auch Apollinaire, der am Rhein 1902 lebte. Apollinaire wurde zu einem weiteren Bindeglied zwischen Roessler und mir. Frappant für mich immer wieder, wie Roessler seine weit divergierenden Interessen noch untereinander verkoppelt. Er hat zum Beispiel soeben eine Anthologie Kometenpoesie herausgegeben. Und wenn eine Astronomiekapazität sich damit beschäftigt, Weintrauben selber zu keltern, im Januar selber umzufüllen - in 200 Flaschen -, die 200 Stöcke selber zu beschneiden, auch selbst kalligramm-artige Konkret-Poesie-Texte zu erknobeln, gewinnen solche Betätigungen für mich unweigerlich eine neue Valenz.

 

 

 

Bernd Hänschke

Komponist, auch Dirigent

 

 

   1948 geboren in Duisburg. Studierte Schulmusik an der Staatlichen Hochschule für Musik in Köln. Parallel dazu studierte er Komposition bei J. Blume und bei H. U. Humpert. Ein zweites Kompositionsstudium in der Meisterklasse von Hans Werner Henze in Köln veränderte Hänschkes Stil grundlegend. Hänschkes Werkverzeichnis umfasst Werke aller Gattungen. Seine Kompositionen weisen oft einen Hang zum Theatralischen, Szenischen auf. Hänschke lebt in Moers. Um finanziell immer unabhängig zu sein, ist Hänschke primär Gymnasiallehrer geblieben, aber von 2000 bis 2003 leitete er als Dozent, parallel zu der gymnasialen Tätigkeit, an der Dortmunder Musikhochschule das Ensemble Neue Musik. 2010 jetzt ist er zum Vorsitzenden des Vereins Kunstgeflecht e.V. gewählt worden.

 

   Hänschke sucht in seiner Musik fast immer den Kontakt zu den anderen Künsten, und so ist es auch kein Zufall, dass mit Christof Heyduck und Hans Werner Berretz (Ha Webe) zwei Maler eine Zusammenarbeit mit ihm installiert haben (Resultat große zyklische Arbeiten sowie Kunstvideos); beide Künste beeinflussen sich hier gegenseitig. 1989 gründete Hänschke das Henze-Kammerensemble, er leitet das musikalisch und künstlerisch. 1998 initiierte er zusammen mit dem dänischen Komponisten Mogens Christensen EuHenzeNord, ein deutsch-dänisches Gemeinschaftsprojekt, an ihm waren neben dem Henze-Kammerensemble die beiden dänischen Ensembles Ensemble Nord und Euterpe beteiligt. Von 1996 bis 2000 war er Gastdirigent des Festivals Luis Casas Romero in Camagüey, Kuba, in enger Zusammenarbeit mit dem Mitbegründer und künstlerischen Leiter des Festivals, dem englischen Komponisten David P. Graham. Dieses Engagement gipfelte 1999 und 2000 in zwei internationalen Musiktheater-Projekten, dem Tanztheater-Projekt Ebbó und der internationalen Gemeinschaftsoper El Caballero de la Triste Figura. An beiden Projekten war Hänschke auch als Komponist beteiligt.

 

 

Netzseite: www.bernd-haenschke.de

 

 

   Ich lernte den Dreiundsechzigjährigen, der eine üppige, massige Statur hat, noch ganz dunkles Haupthaar besitzt und immer gepflegt ist, folglich auch seinen dunklen Kinn-, Backen-, Schnurrbart tadellos geschnitten hat, bei einer der Veranstaltungen im Siegburger Pumpwerk kennen. Von Hänschkes Wirken und Wirkung hatte mir Th. Wehlim bereits berichtet. Vor dem Hintergrund meiner Poesie-Photographie-Parallelüberlegungen war klar, diesen Komponisten musste ich kennen lernen. Dann sah ich es auch selber: Die Künste zusammenzuführen, das macht ihm Freude; davon ist er durchdrungen. Zitat Hänschke: „Und das ist schon längst überfällig.“ Mir ging durch den Kopf: sein Lehrmeister Henze hat sich mit Opern beschäftigt – in der Oper fließen drei Künste zusammen –; und mir ging Richard Wagners Ideal des Gesamtkunstwerks (in Wagners Nachfolge hierin auch Yvan Goll) durch den Kopf; sowie die Weimarer-Dessauer Bauhaus-Leute. Hänschke sagte mir, dass der Aspekt der spartenübergreifenden Impulse ihn veranlasst habe, den Vorsitz von Kunstgeflecht zu übernehmen.

 

   Hänschke weiß die Idee des Spartenübergreifenden bereits mit Leben zu erfüllen: Bei der zweiten Veranstaltung war ein Bild von Ha Webe der Ausgangspunkt für Hänschkes Musikstück Studie in Blau; das Musikstück inspirierte Rolf Stolz zu dem langen Gedicht Blau, das verschwundene Blau, und auf Stolz’ Gedicht hin schuf Hänschke wiederum eine Komposition. Palimpsestverfahren, wie Hänschke das nennt. Hänschke geht es dabei nicht darum, Texte 1 zu 1 zu vertonen.

 

   An Hänschke gefällt mir auch sehr, dass er nicht fertig ist, vielmehr nach wie vor offen ist und begierig auf Neues; dass er zuhört trotz seiner großen Kenntnisse. Die ihm zur Verfügung stehende Faktenfülle macht ihm da keinen Strich durch die Rechnung.

 

 

Professor Leonhard Beck

Interpretierender Musiker

 

 

   Geboren 1942 in Aachen. Ausbildung: 1963 ein Semester auf dem Konservatorium Düsseldorf bei Karl-Heinz Böttner; mit diesem Lehrer wechselte er über zur Rheinischen Musikschule Köln. Als er an der Staatlichen Hochschule für Musik Köln wegen eines Studiums nachfragte, wurde ihm beschieden: Da Gitarre kein vollwertiges Instrument sei, werde das hier auch nicht gelehrt. Des jungen Becks Antwort damals: „Und das möchte ich mal ändern.“ Ab 1965 Fortsetzung des Studiums an der Folkwanghochschule in Essen (1968 das Gitarrenlehrerexamen). Danach verschiedenste Fortbildungskurse. Gab Konzerte original klassischer Gitarrenmusik und „sinnvoller zeitgenössischer Musik“ (Beck). Von 1976 bis 2007 als Professor an der Folk­wang Hochschule Essen. Beck ist ein Prak­tiker und Historiker der Gitarre. Arbeitete intensiv mit zeitge­nös­si­schen Komponisten und Künstlern zusammen, so mit dem aus der DDR gekommenen Tilo Medek (mit dem ihn nach 1990 eine Duzfreundschaft verband und der für Beck über die Shakespeare-Sonette Nr. 12, 18, 66 ein 3-Sätze-Solowerk für Gitarre konponierte), mit W. Fürstenau, V. Fritsche, dem chilenischen Dichter L. G. Acuña, dem bolivianisch-jüdischen Gitarrist-Komponisten J. M. Zenamon. Die Künstler widmeten Beck auch eine ganze Reihe der von ihm angeregten und von ihm aufgeführten Werke. Becks Anliegen einer „menschengemäßen mu­­si­ka­lischen Kunst“ und der Darstellung der Gitarre als eines vollwertigen und sensiblen Kon­zertinstruments zieht sich durch Becks ganzes Schaffen. Beck lebt, nach Stationen in Oberfranken, Duisburg, Moers, Essen, seit 2002 in Dinslaken.

 

   Kennen gelernt haben Rolf Stolz und ich Leonhard Beck ursprünglich in der rheinischen Stadt Sankt Augustin bei einer konzertanten Aufführung (Wolfgang Hufschmieds) von Deutschland, ein Wintermärchen. Beck fährt weit für ein klassisches Gitarrenkonzert. Er selber gelangte zur klassischen Gitarre einst auch nicht von ungefähr; ich habe inzwischen heraushören können, wie viel er da seiner Mutter verdankt (wer gibt so etwas schon zu?), die ihrerseits aus einem Haus stammte, in dem Mandoline und klassische Gitarre in hohen Ehren standen. Trotzdem hat er erst wegfinden müssen von dem Ruch der Wandervogelgitarren-Welt „mit ihrem schrumm-schrumm“ (Beck), denn er war noch bei der wandernden und mit Lagerfeuer gokelnden bündischen Jugend gewesen. Auf eigene Faust besorgte er sich nach und nach die Lehrwerke für Gitarre – und diese Rolle der Eigeninitiative hat mich an mich erinnert. Mir gefällt an ihm, wie er unbeirrt von kurzatmigen so genannten „Trends“ und Moden seinen Weg sucht. Von der Gruppe Kunstgeflecht erwartet sich Beck Impulse im Sinne einer geistig-seelischen Bereicherung. Die bereichernden Impulse stellt er sich vor als von Menschen ausgehend, die ein Werk auf den Anderen hin orientieren (und die nicht um ihrer Karriere willen arbeiten). Impulse, „bereichernde Impulse“? Dies Wort gebraucht Beck genauso wie Hänschke. Haben sie sich geradezu abgesprochen? Ich weiß es nicht. Warum auch nicht aber? Eine gute Gruppenwirkung, wenn die Gruppe gemeinsame Begriffe ventiliert. Ein Werk, sagt mir Beck, solle den Anderen in dessen guten Absichten bestärken.

   So jedenfalls drückt das dieser Mann aus – der mit intensiv-orangefarbenem Hemd, mit bloßem Oberhemd ohne Jacke auf unseren öffentlichen Veranstaltungen per Gitarre ein Fluidum schafft.

 

 

Thomas Josef Wehlim

Dichter

 

 

   Geboren 1966 in Witten/ Ruhr. Kindheit und Jugend im Rheinland. Studium der Mathematik an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Doktorat. Informatiker. Lebt und arbeitet seit 1996 mit seiner Familie in Leipzig. 2003 ein Semester Lehrstuhlvertretung Informatik an der Technischen Universität München. Informatik-Professur an einer Leipziger Hochschule.

 

   Wehlims literarisches Werk umfasst bisher Prosa, Lyrik, Theaterstück. Veröffentlichungen in zahlreichen – meist jungen – Literaturzeitschriften und Anthologien, darunter Dichtungsring, DUM, Freiberger Lesehefte, dem belgischen Krautgarten. Forum für junge Literatur, Asphaltspuren. Literaturmagazin, wortwerk. Zeitschrift für Lyrik, um[laut], Anthologie Feldkircher Lyrikpreis 2008, Matrix. Preisträger 2. Preis Irseer Pegasus Januar 2011 (für Kurzprosa mit Thematik afghanischer Kriegseinsatz). Im Herbst/ Winter 2011 erscheinen ein Kurzprosa-Band im fhl-Verlag, Leipzig, und der Roman Die Tage des Kalifats in der Edition Rugerup, Hörby, Schweden. Wehlim inszeniert zur Zeit sein eigenes Stück Dreierlei Seelen an einem Leipziger Off-Theater und spielt hier auch die männliche Hauptrolle.

 

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Netzseite: www.die-minderheit-des-ichs.de/

 

 

   Thomas Josef Wehlim lernte ich über Rolf Stolz kennen. Wehlim und ich waren kurz hintereinander mit zwei Zügen im Bahnhof Siegburg-Bonn eingetroffen und wir wurden von Rolf im Auto noch für einige Stunden zu Rolfs Bungalow gebracht. Es war quasi der Vorspann zu der öffentlichen Auftaktsveranstaltung des erst noch zu gründenden künstlerischen Zusammenschlusses. Die locker-wohlgemute Atmosphäre – eine echte Aufbruchsstimmung – werde ich auch nicht so schnell mehr vergessen.

 

   Wehlim ist in der Kunstgeflecht-Gruppe mit Abstand der Jüngste. Dass die Gruppe offenbar die Kraft hat, Generationsvorbehalte zu suspendieren, stimmt mich schon optimistisch. Und Wehlim ist nicht etwa ein verbogener kauziger altmodischer Mensch, sondern ein munterer, natürlicher Großstadtmann. Schon mehrfach habe ich gesehen und beurteilen können, wie er vortäuschende, fehlleitende Arrangements von Mitmenschen durchschaut. Und er hat bei aller Munterkeit durchaus keine lauen, verwaschenen Ansichten; im Gegenteil. Ich schätze an ihm sein ganz unbestechliches, klar-nüchternes Urteil. Er wagt sich mit seinem Urteil auch hervor; mehr als andere. Gleichzeitig gefällt mir sein Wunsch nach Feedback. Das habe ich in Zusammenhang mit seinen Gedichten erlebt. Die sind lakonisch. Die sind knapp. Ob da noch ein Kunst-Anspruch greift? In den Gedichten kommt Wehlim immer wieder auf einen – sich anderen Autoren dreimal entziehenden – Alltagskosmos zurück, den er mit überraschenden Vorgängen, Kurzvorgängen, verschränkt. Ich konnte Wehlim hier beruhigen. Bei diesen Gedichten brauchte er eigentlich kein Pseudonym. Wehlim ist sein Künstlername. Noch ungelüftet.